Saga

Die Erschaffung des Islandpferdes (eine Legende)

Mario

Mario Freingruber

Einst sprach Gott zu den Engeln: “ Endlich ist die Schöpfung vollendet. Am ersten Tag schuf ich Himmel und Erde, sowie das Licht. Am zweiten Tag schied ich die Wasser von unten von den Wassern von oben. Am dritten Tag trennte ich das Wasser vom Trockenen und formte die Pflanzen. Am vierten Tag erschuf ich Sonne und Mond. Am fünften Tag die Tiere und schließlich am sechsten Tag die Menschen. Heute ist der siebente Tag. Ich bin müde und werde nun ruhen.“

In diesem Augenblick vernahm man die zaghafte Stimme eines Engels aus der hintersten Reihe: „ Herr, gewähre mir noch einen Wunsch.

Gott in seiner grenzenlosen Güte rief den Engel zu sich. Dieser trat vor und begann unsicher, ob der Nähe des Schöpfers zu sprechen: „Bitte erschaffe für mich ein Pferd.“

Da lachten die anderen Engel, ob der Dummheit ihres Mitbruders. Schließlich existierten bereits genug Pferderassen. Doch Gott hob beschwichtigend den Arm, wartete bis das Gemurmel verstummte und kniete vor dem verlegenen Engel nieder. Lächelnd wollte er wissen, weshalb er ein weiteres Pferd erschaffen sollte.

Der Engel antwortete vorerst nur zögernd und leise. Schließlich wurde die Sprache fließender und seine Stimme bekam einen festeren Klang. Die anderen Engel hörten staunend zu, als er erklärte:

“ Ja es gibt bereits viele Pferderassen mit unzähligen Tieren. Aber sie sind alle zu perfekt; die Andalusier zu elegant, die Araber zu edel, die Mustangs zu wild, die Kaltblutrassen zu träge, die Shire Horses zu groß, die Shetlandponys zu klein. Die Friesen haben eine zu lange Mähne und die Trakehner eine zu kurze.

Gestalte es weder zu elegant, noch zu edel; weder zu wild, noch zu träge; weder zu groß, noch zu klein; mit weder zu langer, noch zu kurzer Mähne.

Gib ihm ein klein wenig vom Mut des Löwen, von der Treue des Hundes, von der Klugheit des Delphins, vom Freiheitswillen der Vögel, von der Geduld des Rindes, von der Beharrlichkeit der Katze, von der Schnelligkeit des Hasen und von der Ausdauer der Schnecke.

Zu guter Letzt bitte ich dich, schenke diesem Wesen eine sichere Heimat, wo es unbehelligt seine Tage genießen kann.“

Gott hatte Mitleid mit dem Engel und verfuhr nach dessen Bitte. Seither streifen diese Pferde über die weiten, öden Ebenen Islands. Von dort traten sie ihren Siegeszug um die gesamte Welt an und eroberten die Herzen der Menschen im Sturm.

Für viele wurden die Islandpferde zum Inbegriff von Vielseitigkeit, Mut, Treue, Klugheit, Freiheitswillen, Geduld, Beharrlichkeit, Schnelligkeit, Ausdauer und Freundschaft.

© Mario Freingruber